EIGENWILL

Am Popcollege sagte mir ein Lehrer, meine Musik sei gut, aber ich hätte inhaltlich nichts zu sagen. Er fragte mich, worüber ich schreibe. Ich konnte es ihm nicht sagen.

Das ist fast zwanzig Jahre her. Hier ist die Antwort.

Zwei Länder, in keinem zuhause

Ich bin in Timișoara aufgewachsen. Meine Familie war deutsch, ich ging auf eine deutsche Schule, und für alle um mich herum war ich der Deutsche. Dann kamen wir nach Deutschland und ich war der Rumäne.

Davor gab es eine Kindheit, die ich bis heute für eine gute halte. Wandern in den Bergen mit meinen Eltern. Der Geruch von Kiefern. Schwarzer Tee am Morgen im Hotel, den ich vorher nie getrunken hatte. Nachts kamen Bären an die Mülltonnen, und ich stand am Fenster und sah ihnen zu, von einem sicheren Ort aus.

Child standing among young pine trees, a mountain hotel in the background
Rumänien, vor 1990

Im Dezember 1989 war ich sechs. Wir wohnten in der Stadt, in der das Militär auf Menschen schoss. Meine Eltern brachten mich zu meinen Großeltern aufs Dorf, damit mir nichts passiert. Dann hörte mein Großvater, dass auch ins Dorf Truppen kommen sollten. Er nagelte die Fenster zu, und wir versteckten uns einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag im Schlafzimmer.

Dasselbe Kind, dasselbe Fenster. Nur die andere Seite der Scheibe hatte sich geändert.

Lions at your door
Fire on the river
like you can't escape the war
Caught On A Rollercoaster
Grandparents' house, vine-covered courtyard
Haus der Großeltern, Rumänien

Wasser mit einem Gesicht darauf

Kurz nachdem Ceaușescu erschossen worden war, fuhren wir nach Deutschland. Sechs Monate, zwei Flüchtlingslager. Am deutlichsten erinnere ich mich an eine Flasche Wasser, die uns jemand geschenkt hat. In Rumänien kam Wasser aus dem Hahn. Hier kam es in einer Flasche mit blauem Etikett und einem Gesicht darauf, und ich stand als Kind davor und versuchte zu verstehen, warum irgendjemand ein Gesicht auf Wasser druckt.

In der Schule galten Regeln, die ich nicht kannte. Mit den falschen Klamotten wurde man auf dem Hof in die Ecke gedrängt. Ein Mädchen zeigte auf mich und erzählte allen, ich hätte AIDS. Warum ausgerechnet dieser Satz, habe ich erst viel später verstanden. In jenem Winter lief die rumänische Kinder-AIDS-Katastrophe in ganz Europa durch die Nachrichten. Sie wiederholte, was ihre Eltern beim Abendessen sahen.

Das machte mich wütend, und die Wut ging zur Seite weg. Ich habe mich geprügelt. Ich habe anderen Kindern wehgetan. Danach lag ich wach und kam mir schlecht vor, weil meine Großeltern mich christlich erzogen hatten und ich ein sehr klares Bild davon hatte, was ich sein sollte. Ich war es nicht.

Set me free

1993 stand in einem Plattenladen eine Jukebox mit den Neuerscheinungen. Sie spielte eine Platte von Vince Neil, darauf ein Cover eines Songs namens „Set Me Free". Ich hatte keine Ahnung, was der Titel bedeutet, ich sprach noch kein Englisch. Ich wollte diese CD nur mehr als jemals etwas zuvor. Ich habe meine Eltern so lange gefragt, bis sie sie kauften, und danach hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil die Männer auf dem Cover dunkel und gefährlich aussahen und überhaupt nicht nach dem Menschen, der ich einmal werden sollte.

Is it madness,
or salvation?
Like Good Love

Es dauerte zwei weitere Jahre Fragen, bis ich eine E-Gitarre bekam. Ich war zwölf. Mein erster eigener Song hieß „My Own". Er handelte von einem Mädchen und davon, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss.

Mit vierzehn, fünfzehn hörte ich auf, mich auf dem Schulhof zu prügeln, und fing mit Kampfsport an, und die Leute, mit denen ich meine Wochenenden verbrachte, trugen Messer. An einem Abend beschloss die Gruppe, einen deutlich älteren Mann zusammenzuschlagen. Ich stand daneben und begriff, dass es zwei Möglichkeiten gab: mitmachen oder gehen. Bleiben und nicht mitmachen war keine. Also bin ich gegangen und nie wieder aufgetaucht. Mehrere von den Leuten von damals leben heute nicht mehr.

Das war das Erste, was ich je aus reinem eigenen Willen getan habe. Mit Musik hatte es nichts zu tun.

Lazuright

Meine Band hieß Lazuright, aus Lazurit, Lazarus und „right". Ich war Anfang zwanzig und vollkommen sicher in dem, was ich tat. Vor einem Auftritt hatte ich genau einen Gedanken: Ich gehe da jetzt hoch und ich zeige es euch.

Auf dem Taubertal-Festival spielten wir um halb eins nachts. Während wir noch aufbauten, rief das Publikum immer noch nach der Band vor uns und wollte eine Zugabe von ihr. Ich stand da und dachte, wenn wir fertig sind, ruft ihr unseren Namen. Manchmal hat es funktioniert. Auf dem Southside 2006 hat es funktioniert.

In demselben Sommer sprach uns der Sänger von Eagles of Death Metal nach unserem Set an und lud uns ein, am nächsten Abend in Köln für sie zu eröffnen. Einer von uns hatte eine Ausbildung durchzuziehen und entschied sich dagegen. Niemand hat etwas falsch gemacht. Er brauchte ein Leben, das funktioniert. Ich habe das verstanden und konnte trotzdem nicht damit leben, was es bedeutete. Ich wollte mehr als die anderen, und danach hielt nichts mehr zusammen.

Es gab niemanden mehr, dem ich etwas hätte zeigen können. Das war der Teil, mit dem ich nicht klarkam.

I never raised my voice
but you had made your choice
and silence had its say
Restrained
Lazuright performing on stage at Southside festival, 2006
Southside Festival, 2006

Zwanzig Jahre fast

Ich habe Musik und Sounddesign gelernt. Ein paar Jahre nach dem Southside schrieb ich die Musik zu einer Inszenierung von Tannöd am Theater der Altstadt in Stuttgart, einem Stück über eine Familie, die auf einem abgelegenen Hof erschlagen wird, nach einem echten Fall von 1922, der nie aufgeklärt wurde. Zum Leben hat es nie gereicht, und irgendwann habe ich die Vorstellung begraben, dass Musik jemals mein Leben bezahlt. Stattdessen habe ich eine Karriere außerhalb der Branche aufgebaut und war gut darin. Sie hat alles bezahlt und alles verlangt.

Aufgehört zu spielen habe ich nie. Ich habe nur aufgehört, etwas davon zu erwarten. Neben jedem Job, den ich hatte, gab es Konzerte. Das größte Publikum meines Lebens seit dem Southside waren ein paar tausend Leute in einer Halle in München, bei einer Firmenveranstaltung, die nichts mit mir zu tun hatte.

Die Musik war nie weg. Sie war nur nie ganz meine. Ich habe die Version gespielt, die gepasst hat.

Ein paar Sätze aus diesen Jahren sind hängengeblieben. Unser Manager bei Lazuright sagte mir, ich sei vom Typ her durchschnittlich, und durchschnittlich verkauft sich nicht. Ein Produzent kam nach einem Wettbewerb zu mir und sagte, er habe sich noch nicht entschieden, ob ich das größte Arschloch im Raum sei oder der beeindruckendste Mensch darin. Und ein Gitarrenlehrer von mir, der bei den Fantastischen Vier spielte, sagte mir, meine Songs bauten Spannung hervorragend auf und ließen dann nie los, lösten nie auf, kämen nirgends an.

Er sprach über die Songs. Ohne es zu wissen, beschrieb er auch, wie ich lebte.

Don't you know me

Irgendwann hält ein Leben, das so gebaut ist, nicht mehr. Meines hielt nicht mehr. Was danach noch stand, war eine Frage, die ich seit einem Schulhof im Jahr 1990 mit mir herumtrug, ohne sie je laut gestellt zu haben.

can you mend what we have broken?
or let it die inside our eyes?
are we shattered, are we hollow?
lost in echoes, lost in lies?
Current studio portrait
2026

Eigenwill

Eigenwill richtet sich gegen niemanden. Nicht gegen meine Großeltern, nicht gegen die Branche, nicht gegen irgendjemanden, der mich je unterschätzt hat. Es heißt, das zu machen, wofür ich tatsächlich stehe, mit meiner eigenen Geschichte darin, statt der Version, die passt.

Jemand, den ich nie getroffen habe, schrieb unter einen meiner Songs einen Kommentar an eine Plattenfirma, deren Namen er nicht einmal kannte: Sie sollten zuhören, das hier sei das nächste große Ding. Er schuldete mir nichts. Den habe ich behalten.

Ich mache das nicht allein. Es gibt Menschen, die mir nahestehen und einen Teil davon mittragen, und Freunde, die mir immer wieder sagen, dass ich weitermachen soll. Sie sind der Grund, warum es das hier überhaupt gibt, und es hat lange gedauert, bis ich jemanden so nah herangelassen habe.

Ich mache Musik für Menschen, die etwas überlebt haben und weitergemacht haben. Die immer funktionieren mussten. Die gelernt haben, durch das Dunkle zu kommen, und die jetzt bereit sind, etwas daraus zu machen.

Also, worüber schreibe ich?

Darüber.